Ärztliche Akupunktur

 

Eine Systematik der funktionellen Medizin

 

Dr. Antonius Pollmann

 

 

Das Besondere

 

Die gängigen Akupunkturbücher basieren auf den Inhalten der Akupunktur, wie sie in China seit den 1970-er Jahren gelehrt werden.  Dieses als Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) bezeichnete Lehrgebäude gilt heute sozusagen als Standardwissen. Dieses Wissen habe ich als Grundlage genommen, mit meinen Erfahrungen abgeglichen und auf die moderne Medizin übertragen.

 

Vorteil

 

Der Vorteil der Akupunktur, wie sie in diesem Buch dargestellt wird, liegt sowohl in der Lehre als auch in der Anwendung. Zum Verständnis der Akupunktur greife ich auf bekanntes ärztliches Wissen zurück, so dass hier eine größere Akzeptanz und einfacheres Begreifen zu erwarten ist. Die funktionelle Differentialdiagnostik bezieht sich auf den Leitbahnverlauf bzw. auf die Funktionen in den Stammgeweben und führ die Therapie gilt es ebenso. Für die Akupunkturpunkte zur Behandlung des Bewegungssystems stelle ich eine Systematik da, die einfach und effektiv ist.

 

Modelle

 

Das Vokabular der TCM ist fremdartig und nicht direkt auf die moderne Medizin übertragbar. In einer synthetischen Denkweise werden Zusammenhänge beschrieben, die für einen analytisch denkenden Westler eine nur schwer zu vermittelnde Logik beinhalten. Das Lehrgebäude der TCM betrachte ich als ein Modell, in der Empirie und Theorie in eine Systematik eingeordnet sind. Damit werden die Inhalte übersichtlich geordnet und lehrbar.

 

Ein Modell kann immer nur eine Interpretation der Wirklichkeit sein. Unsere moderne Wissenschaft bedient sich ebenso Modellen, denken wir nur an Chemie oder Elektronik. So wie Atome oder Elektronen in den Zeichnungen dargestellt werden, sind sie ja nicht wirklich – aber wir können damit arbeiten, forschen und uns der Wirklichkeit weiter annähern. Auch die Medizin, die auf Physik, Chemie, Anatomie und Physiologie beruht, ist ein Modell, ein Lehr- und Denkgebäude mit eigener Nomenklatur und Regeln.

 

Das Lehrmodell der TCM erweist sich in der Praxis ebenso erfolgreich anwendbar wie das der modernen Medizin, zumindest da, wo ihre jeweiligen Schwerpunkte liegen. Ist man mit der Systematik und Regeln beider Systeme vertraut, kann man sie zusammenfügen und unter einem einheitlichen Denkmodell darstellen. Dafür muss die unterschiedliche Nomenklatur und Denkweise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Es gab mehrfache Ansätze und Versuche dazu, aber das nahezu gesamte Denkgebäude der Akupunktur in die Systematik der modernen Medizin zu übertragen ist erstmals mir 2012 gelungen. Die Akupunktur ist mit der modernen Anatomie und Physiologie kompatibel.

 

Das Wesentliche der Akupunktur

besteht aus Akupunkturpunkten, Leitbahnen (Meridiane) und Funktionskreisen (TCM-Organe) sowie der funktionellen Anamnese und Diagnostik und der fachgerechten Anwendung.

 

Akupunkturpunkt

 

Der Akupunkturpunkt ist ein kleines Areal auf der Körperoberfläche, welches auf Fehlfunktionen des Organismus reagiert und, wenn man es reizt, auf diese Funktionen zurückwirkt. Fehlfunktionen und Schmerzen projizieren sich auf die Körperoberfläche, in Segmente und Akupunkturpunkte.

 

Der Akupunkturpunkt liegt an anatomisch exakt lokalisierbaren Stellen. Er ist normalerweise kaum auffällig, aber indem sich eine Fehlfunktion da hineinprojiziert, kann man ihn als winzige Veränderung palpieren. Meiner Erfahrung nach zeigen die Punkte die beste Wirkung, welche die größte Auffälligkeit aufweisen.

 

Die Lokalisation des Akupunkturpunkte erfolgt traditionelle nach Cun, das ist ein das Maß von Daumenbreiten, Fingerbreiten etc. Heute verfügen Ärzte über strukturierte anatomische Kenntnisse, so da die Lokalisation nach Muskel- und Sehnenverläufen angeben werden kann. Durch die Palpation wird das Auffinden der Punkte genauer und es zeigt sich, dass die meisten Akupunkturpunkte am Rande von oberflächlichen Muskelverläufen und Sehnen zu finden sind und nicht wie üblich auf der Muskulatur.

 

Leitbahnen (Meridiane)

 

Die Leitbahnen sind funktioneller Natur. Das ausstrahlende Gefühl, welches Patienten nach einem Stich im Akupunkturpunkt empfinden können, verläuft in der Regel als eine Linie durch die benachbarten Punkte entlang des Sehnen- Muskel- Verlaufs. Diese Linie bezeichnen wir in der Akupunktur als Leitbahn. Sie durchläuft Akupunkturpunkte und Körperregionen. Eine Strecke dieser Linie wird nach einem Organ benannt, z. B. Lungen-Leitbahn oder Dickdarm-Leitbahn.

 

Eine Leitbahn steht nicht für sich alleine. Vier Leitbahnen sind hintereinander gekoppelt und bilden einen Umlauf. Es gibt drei Umläufe, einen Vorderen, einen Mittleren und einen Hinteren Umlauf. Jeder Umlauf bildet eine funktionelle Einheit, die weit mehr funktionelle zusammenhängt als allgemein gelehrt wird.

 

Der Umlauf kann sowohl diagnostisch genutzt werden als auch eine therapeutische Grundlage bieten mit Fernpunkten und lokalen Punkten. Der Umlauf wie auch die Wirkung der Akupunkturpunkte bildeten für mich eine Basis, die Lehre der Akupunktur auf die westliche Medizin zu übertragen.

 

Faszien Bahnen

 

Faszien bahnen, wie sie in der Osteopathie bekannt sind, umschließen Sehnen-Muskel-Gelenke über weite Strecken und haben einen ähnlichen Verlauf wie die Leitbahnen der Akupunktur. Mittlerweile weiß man, dass Faszien mehr Sinneskörper aufweisen als die Muskulatur und vermutlich eine steuernde Bedeutung für vegetative Funktionen haben, wie Muskeltonus, Gefäßtonus etc. Ich gehe von der Hypothese aus, dass die Faszien Bahnen den Tendino-Muskulären-Leitbahnen der traditionellen Akupunktur entsprechen.

 

Stammgewebe

 

Zu Beginn der Embryogenese bildet die befruchtete Eizelle nach dem Stadium der Morula drei unterschiedliche Zellstämme aus, die drei Stammgewebe. Aus jedem Stammgewebe können sich nur Gewebe und Organe mit bestimmten Funktionen bilden. In einer groben Übersicht kann man sagen: Entoderm mit Verdauung und Stoffwechsel, Mesoderm mit Muskulatur und Bewegungssystem, Ektoderm mit Nerven- und Sinnessystem.

 

In der Vergangenheit gab es versuche, Funktionen der Akupunktur den Stammgeweben zuzuordnen. Das scheiterte aber daran, dann man damals die Namensgebung der Leitbahnen als Wort wörtlich nahm. Ich verstehe die Namensgebung nicht als eine absolut gültige Bezeichnung, sondern eher wie Straßennamen und die Nummern der Akupunkturpunkte wie Hausnummern. Orientiert man sich an der Wirkung der Akupunkturpunkte in einem Umlauf, kommt man der Bedeutung des Umlaufs näher. Unter diesen Aspekten habe ich die Wirkungen drei Umläufe den Funktionen der drei Stammgewebe zugeordnet.

 

Segmentale Wechselwirkung

 

Eine ähnliche Wechselwirkung, wie sie zwischen Leitbahn und Organismus besteht, findet sich auch zwischen segmentaler Innervation und Organismus. Zu jedem Wirbelkörper gibt es ein Rückenmarkssegment, welches sowohl Nervenbahnen zu den inneren Organen als auch Bahnen zur Körperoberfläche entsendet. Über den vegetativen Grenzstrang werden Impulse zu den inneren Organen und den Geweben gesandt und auch Informationen von dort zum Rückenmark geleitet. Über die Interkostal- und Extremitäten Nerven findet der Datentransfer mit dem Bewegungssystem und der Körperoberfläche statt. In der segmentalen Gliederung projiziert eine Fehlfunktion bzw. ein Schmerz auf die Körperoberfläche und von der Körperoberfläche können wir einen Impuls auf das innere Organ ausüben. In der segmentalen Anordnung werden dieselben Organbezeichnungen verwendet wie bei den Leitbahnen.

 

Sekundeneffekt

 

Bei exakter Anwendung ist in vielen Fällen ein Sekundeneffekt zu sehen, d. h. direkt nach dem Setzen der Nadel ist eine Veränderung zu verzeichnen. Und damit kann ich die Gültigkeit meiner Darstellung belegen.

 

Inhalt des Buches

 

Im Buch werden darüber hinaus Behandlungsbeispiele gezeigt, wissenschaftliche Studien zitiert, Abrechnungshinweise gegeben und die Punkte nach anatomischen Strukturen veranschaulicht.

Auch die traditionelle Akupunktur wird dargestellt, so dass man den direkten Vergleich vollziehen kann.

 

Wer dieses Buch hat, braucht kein Anderes mehr.